Köcherfliegen – mit Superkleber zum Traumhaus

Köcherfliegen sehen ungefähr so aus wie Schmetterlinge ohne Rüssel und mit Härchen statt Farb-Schüppchen auf den Flügeln. Den tunnelartigen Köcher, dem sie ihren Namen verdanken, bewohnen sie allerdings nur in ihrer Jugend. Diese verbringen sie als Larven unter Wasser.

Wie Schnecken in ihrem Häuschen wohnen Köcherfliegenlarven gut geschützt in ihren Röhren. Allerdings sind diese nicht mitwachsend, sondern selbstgebaut. Die etwa 300 verschiedenen Arten, die in Österreich vorkommen, haben - je nach dem, in welchem Gewässer sie leben - ganz unterschiedliche Bauweisen entwickelt.

Schon die Auswahl an Baumaterialien ist enorm: Sandkörnchen und kleine Steinchen, gerne jeweils von der gleichen Größe, gehören zu den beliebtesten Baustoffen.
Ästchen, Rinde, Holz- oder Schilfbruchstücke werden ebenso verwendet wie Moos, Nadeln oder winzige Schneckenhäuser. Spezialkonstruktionen wie „vorne aus Sand und hinten aus Pflanzenstücken“ oder umgekehrt sind ebenfalls möglich.

Vierkanter oder Rundhaus?

Auch was die Formenvielfalt angeht, sind die kleinen Baumeister an Kreativität kaum zu überbieten: Die Palette reicht von gerade, gebogen, walzen-, flaschen- oder etuiförmig über spiralig gewunden, drei- oder vierkantig bis zu schildförmig mit Seitenflügeln oder strömungsresistent mützenförmig wie bei einer Napfschnecke. Als Sonderanfertigung gibt es eine Verschlussmembran am hinteren Ende.

Wer schon einmal versucht hat, am Meeresstrand eine Sandburg zu bauen, weiß: stabil ist anders! Wie bringen es die kleinen Insekten fertig, dass ihre Behausungen im Wasser nicht sofort von der Strömung zerstört werden?

Die spinnen, die Rö…hrchenbauer

Ähnlich wie Spinnen sind die Köcherfliegenlarven in der Lage, feine Fäden zu spinnen. Diese bestehen aus Proteinen und funktionieren wie ein Öko-Superkleber. Damit befestigen sie das Baumaterial - selbstverständlich komplett biologisch abbaubar.

Manche Arten verzichten auf den Köcherbau und befestigen sich selbst mithilfe eines Sicherungsfadens, wenn sie in Bereichen mit starker Strömung leben.

Die köcherlosen Larven der Gattung „Hydropsyche“ (Wasserseelchen) haben das Spinnen perfektioniert: Sie verwenden ihre Spinnfäden zum Bau eines feinen Netzes. In einem Versteck lauern sie auf Beute, die sich darin verfängt.

Vom kalten Quellbereich über schnell strömende Bäche bis zu Tieflandflüssen und stehenden Gewässern: Köcherfliegen haben sich perfekt an die Bedingungen in ihrem jeweiligen Lebensraum angepasst, jede Art auf ihre Art. Daher kann man aus ihrem Vorhandensein Rückschlüsse auf die Wasserqualität ziehen.

Diese Art (Limnephilus flavicornis) hat ihren Köcher aus lauter winzigen Schneckenhäusern gebaut.
Foto: wikimedia commons, Glodny from pl:Grafika:L_flavicornis_22088905.jpg

Diese Köcherfliegenlarve hat einen auffällig gefärbten Kopf
Foto: ÖBf-Archiv/Wolfgang Simlinger

Die erwachsenen Tiere haben lange Fühler und sind meist unscheinbar gefärbt. Hier im Bild: Glyphotaelius pellucidus aus der Familie der Limnaephilidae. Seine Larven leben in langsam fließenden Gewässern und bauen ihren transportablen Köcher aus elliptisch zurechtgebissenen Stücken von Falllaub.
Foto: wikimedia commons, Glyphotaelius_pellucidus-pjt.jpg 

Auch Köcherfliegenlarven müssen atmen. Sie tun dies mithilfe von sogenannten Tracheenkiemen am Hinterleib. Sie machen wellenförmige Bewegungen, damit die Kiemen mit sauerstoffreichem Wasser umspült werden. Um dabei nicht aus dem Köcher zu rutschen, klemmen sie sich mit kleinen Höckern fest, die sie mit Körperflüssigkeit aufpumpen.
Foto: Patricia Lechner

Der berühmteste Köcherfliegen-Forscher Österreichs ist der in Wien geborene Hans Malicky. Er hat über 2000 Köcherfliegenarten bestimmt und beschrieben. Da ist Phantasie bei der Namensfindung gefragt. Manche tragen daher Namen wie z.B.: Ecclisopteryx asterix, Rhyacophila obelix oder Hydroptila idefix
Foto: Patricia Lechner

Es gibt auch unter den Schmetterlingen Architekten, die ähnliche Behausungen bauen wie die Köcherfliegenlarven. Falls man an Land ein Insekt mit tragbarer Behausung findet, hat man es mit einer Art aus der Familie der Sackträger zu tun. Die Raupen verbringen die meiste Zeit ihrer Entwicklung in einem Sack, der aus pflanzlichem Material oder Sandteilchen zusammengesponnen ist. Auch hier haben die unterschiedlichen Arten verschiedenen Bauweisen entwickelt.
Foto: wikimedia commons, Donald Hobern, Canephora_hirsuta_(8755332002).jpg

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