Raue Zeiten für Raufußhühner?

17.10.2016 /Einblicke

Ganz Europa verzeichnet einen Rückgang der Raufußhuhn-Populationen. Ihr passender Lebensraum im Wald wird kleiner, die Vernetzung zwischen einzelnen Populationen fehlt und der wachsende Outdoor-Tourismus beunruhigt die scheuen Vögel. Wie rau sind die Zeiten für Raufußhühner wirklich? Dieser Frage stellten sich ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis bei den 3. Ausseer Naturraumgesprächen im Ausseerland.

Bei den vom LIFE+ Projekt "Ausseerland" der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) initiierten 3. Ausseer Naturraumgesprächen am 11. und 12. Oktober 2016 stellten sich rund 90 TeilnehmerInnen und zahlreiche ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis dieser Fragestellung. Die Thematik wurde aus Sicht diverser Disziplinen zu spezifischen Kernthemen - von Gefährdungspotenzialen, der Lebensraumvernetzung bis hin zu Raufußhuhn-Management - beleuchtet und diskutiert. Ganztägige Exkursionen im Raum Ausseerland führten danach direkt in den Lebensraum der Raufußhühner.

Alpenland Österreich - (noch) Heimat aller Raufußhuhnarten

Wildbiologin Veronika Grünschachner-Berger machte zu Beginn darauf aufmerksam, dass Österreich als Alpenland noch alle vier Arten der Raufußhühner beherbergt: Schnee-, Birk-, Auer- und Haselhuhn. In Nachbarländern sieht die Situation oft ganz anders aus: Dort sind manche Arten vom Aussterben bedroht und zahlreiche Wiederansiedelungsversuche bleiben erfolglos. Während die Population des jagdbaren Birk- und Auerwildes schon seit langem beobachtet, gezählt und aufgezeichnet wird, fehlen beim Schnee- und Haselhuhn Daten dieser Art gänzlich. Auch wenn es "unseren" Raufußhühnern zahlenmäßig gut geht, so haben sie dennoch mit Verlust und Verdrängung ihres Lebensraumes und dem Klimawandel zu kämpfen.

Lebensraumvernetzung als Schlüssel

Ein für Raufußhühner optimaler Lebensraum ist von zwei Faktoren abhängig: Nahrung und Unterschlupf. Mittels sogenannter Habitatmodellierung, wo Größen wie Baumalter oder Vorkommen der Heidelbeere einfließen, kann die Eignung eines Lebensraumes gut auf Karten dargestellt werden. Laut Forstwirt Horst Leitner hilft es nicht nur dabei zu erkennen, wo genau Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung notwendig sind, sondern auch Förster werden so bei ihrer täglichen Arbeit wertvoll unterstützt. Auch die Salzburger Jägerschaft arbeitet mit solch einem Modell und nutzt es als Entscheidungshilfe für Schonzeiten-Ausnahmeverordnungen, als Planungsgrundlage bei Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung und als Beurteilungsgrundlage für (Groß-)Projekte. Josef Erber, Geschäftsführer der Salzburger Jägerschaft, räumt aber ein, dass die Modellierung leider bei der Bundeslandesgrenze endet und man hier oftmals größere Bereiche betrachten müsste.

Kurt Wittek, Betriebsleiter des ÖBf-Forstbetriebes Inneres Salzkammergut, begrüßte alle TeilnehmerInnen.
Foto: ÖBf/C. Rak

Birgit Habermann, Geschäftsführerin des Naturparks Jauerling, will es genau wissen.
Foto: ÖBf/C. Rak

Wildbiologin Veronika Grünschachner-Berger klärt über die Zahlen der Auerwild-Vorkommen in Österreich auf.
Foto: ÖBf/C. Rak 

Gerald Plattner, Leiter des ÖBf-Naturraummanagements, mischt sich zum Fachsimpeln unter die TeilnehmerInnen.
Foto: ÖBf/C. Rak

Die Vortragenden wünschen sich, dass das Wissen um die Raufußhühner weitergegeben wird.
Foto: ÖBf/C. Rak

Exkursion in den Lebensraum der Raufußhühner: Erster Schnee zauberte eine ganz besondere Stimmung aufs Naturschutzgebiet Pitzingmoos.
Foto: ÖBf/M. Marschnig

Thomas Kranabitl, Revierleiter im ÖBf-Forstrevier Altaussee, berichtet von Maßnahmen zur Förderung von Auerwild.
Foto: ÖBf/M. Marschnig

Interessierte ExkursionsteilnehmerInnen im Pitzingmoos.
Foto: ÖBf/M. Marschnig

Andreas Pircher und Markus Schachner, beide ÖBf-Revierleiter im Forstbetrieb Inneres Salzkammergut, zeigen auf der Karte die Alterszusammensetzung des Waldes in der Umgebung.
Foto: ÖBf/A.-S. Pirtscher

(Über-)Lebenshilfe für das Auerwild

Bereits seit über 15 Jahren wird im Forstbetrieb Inneres Salzkammergut bei der Bewirtschaftung auf die Raufußhühner Rücksicht genommen. Begonnen hat das mit der Eigeninitiative des ÖBf-Revierleiters Thomas Kranabitl, der erzählt: „Ich war mir nie sicher, ob der Betrieb mein Raufußhuhn-Management akzeptiert. Beispielsweise war das Belassen von Totholz im Wald damals noch nicht gewollt – hier hat sich zum Glück in der Zwischenzeit vieles geändert!“

In dem von der Europäischen Union geförderten LIFE+ Projekt „Ausseerland“ der Bundesforste wird auch die Lebensraumgestaltung und –vernetzung für Auer- und Birkwild unterstützt: Aktuell werden 440 Hektar an Trittsteinen, das sind wichtige Vernetzungspunkte zwischen Lebensräumen, wie dem Dachsteinplateau und dem Toten Gebirge speziell für die Zwischenlandung „auerwildfreundlich“ hergerichtet.

Artenschutz über Raufußhühner hinaus

Auch andere Arten – wie Uhu oder Raufußkauz – profitieren von Maßnahmen zur Förderung von Auer- und Birkwild. „Das stimmt – aber nicht ganz!“, so Hermann Sonntag, Geschäftsführer Alpenpark Karwendel. „Einige Arten werden mit abgedeckt, andere haben jedoch nichts davon. In der täglichen, forstlichen Praxis ist es daher wichtig auch an andere Vogelarten – wie etwa Spechte – zu denken und auch deren Ansprüche zu berücksichtigen.“

Der Wald aus Sicht des Auerwildes

Ein Beispiel für hingebungsvolle Waldbewirtschaftung für das Auerwild ist die Forstverwaltung Meran Stainz: Hier achtet man etwa auf Ameisenhaufen im Wald, fördert die Nahrungspflanzen, räumt Äste aus dem Weg oder gestaltet kleine Gassen in dichten Verjüngungsflächen. So macht man es dem Auerhahn und der –henne mit ihren Küken leichter und kann nachfristig für deren Erhalt sorgen. Um ihre Bedürfnisse und Ansprüche an ihren Lebensraum zu erkennen, wechselt Förster Helmut Fladenhofer gerne die Perspektive und begibt sich zur Beobachtung auf den Boden, direkt auf „Auerwild-Ebene“.

Baustellen, Tourismus, Zäune & Co – Gefahrenquellen für Raufußhühner

Bei großen Bauvorhaben wie Windparks, Liftanlagen oder Stromleitungen werden spezielle Gutachter damit beauftragt, den Einfluss auf vorkommende Raufußhuhn-Populationen festzustellen und passende Ausgleichsmaßnahmen zu entwerfen. Eine Herausforderung, denn „es fehlt meist an der Zeit langfristig zu erheben und an Grundlagendaten – zudem gibt es Forschungsdefizite und das Experten-Dilemma“, so Wildökologe Thomas Huber.

Zunehmender Tourismus, der immer mehr in die Lebensräume der Raufußhühner vordringt, stellt auch den Alpenverein vor neue Herausforderungen: Er setzt auf Aufklärungsarbeit und unterhaltsame Filme, die für Aufmerksamkeit und mehr Bewusstsein sorgen sollen. Der Nationalpark Gesäuse hat ein System zur Skitourenlenkung installiert, das bei auswärtigen Gästen gut funktioniert – nur Einheimische lassen sich meist leider nicht von ihrer gewohnten Route abbringen.

Raufußhühner sehen schlecht und können nicht gut fliegen – wenn sie panikartig fliehen müssen, bilden Zäune, Kabel und Lifte oftmals tödliche Hindernisse. Das Sichtbarmachen solcher Stolpersteine im Lebensraum und im Umfeld ist daher (über)lebenswichtig.

Über Möglichkeiten zur Förderung der Raufußhühner wurde in den Pausen und im Anschluss an die Vorträge noch lange diskutiert. Am folgenden Tag begaben sich die Teilnehmenden direkt in den Lebensraum des Auerwildes im Ausseerland und sahen sich bei den Exkursionen zum „Pitzingmoos“ und „Viehberg“ die Gegebenheiten direkt vor Ort an.

Zur Nachlese: Vortragsunterlagen und Exkursions-Zusammenfassung

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