Fliegender Birkhahn (c) ÖBf-Archiv/Thomas Kranabitl

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Naturraummanagement

2. Ausseer Naturraumgespräche: Umstrittene Wildnis

Das LIFE+ Projekt „Ausseerland“ der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) lud zusammen mit dem WWF Österreich am 21. April 2016 zu den 2. Ausseer Naturraumgesprächen. Über 100 TeilnehmerInnen folgten dem Ruf der „Umstrittenen Wildnis“.

Luchs, Foto: Miha Krofel

Wildnis ist eine Naturschutzoption: Die natürlichen Prozesse können dort frei und unkontrolliert stattfinden – aktive Maßnahmen zur Verbesserung von Artenvielfalt und Lebensräumen werden nicht umgesetzt. Österreich hat (noch) Wildnispotenzial, vor allem im Hochgebirge und in Waldbereichen. Der Knackpunkt: Dort überschneiden sich Naturschutz und Nutzungsinteressen der Grundbesitzer sowie anderer Berechtigter (z.B. Einforstungsberechtigte). Ein umstrittenes Thema, das bei den diesjährigen Naturraumgesprächen aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet wurde und nicht zuletzt für viel Diskussionsstoff sorgte.

Zu Beginn tauchte das Auditorium mit einer Bildershow mit Impressionen aus unberührter Natur tief in die Wildnis ein. Passend dazu trugen Christina Laßnig-Wlad (ÖBf Naturraummanagement) und Bernhard Kohler (WWF Österreich) Texte über die Entstehung erster Nationalparks in Amerika vor. Trotz gegensätzlicher Positionen wurde damals schlussendlich dennoch eine gemeinsame Lösung gefunden. Heutzutage verfügt Amerika über das weltweit größte Netzwerk an Wildnisgebieten.

Wildnis beginnt mit einer Entscheidung

Michael Zika (WWF Österreich) stellte den Begriff „Wildnis“ vor. Unbeeinflusstes, unreglementiertes Land in Österreich zu finden ist schwierig – im Hochgebirge gibt es Kraftwerke und Skigebiete, die Talbereiche sind zersiedelt und Straßen durchschneiden das Land. Der Wildnis wird wenig Raum gegeben – dabei gibt es noch 14 Regionen mit Wildnispotenzial in Österreich, die größer als 3.000 Hektar sind. „Die Wildnis beginnt mit einer Entscheidung. Der Entscheidung nicht (mehr) einzugreifen und zu regulieren!“, wird Reinhard Pekny vom Wildnisgebiet Dürrenstein zitiert.

Strategien, Erklärungen und Gesetze

Es gibt viele Strategien, Übereinkommen und Pläne, um Biodiversität und Natur zu schützen. Maria Stejskal-Tiefenbach (Umweltbundesamt) hat herausgefunden, wo dabei die Forstwirtschaft in der Praxis gefordert ist. Die EU setzt beispielsweise mit der Biodiversitätsstrategie bis 2020 Ziele für den Bereich Land- und Forstwirtschaft. In Waldbewirtschaftungsplänen sollen die Erhaltung einer optimalen Totholzmenge und mögliche Wildnisgebiete verankert werden.

 

Wildnis stellt bisherigen Naturschutz auf den Kopf

Wolfgang Scherzinger (Naturschutz- und Wildnisexperte) zeigte auf, dass Wildnis ein neues Konzept des Naturschutzes ist, das bisher keinen Stellenwert in unserer Gesellschaft hatte sowie bekämpft und reguliert wurde. Es ist auch für den Naturschutz eine Neuheit anstatt „Bewahrung durch Lenkung“ jetzt autogene Abläufe zu akzeptieren. Eine optimale Verteilung mehrerer Wildnisflächen zur Förderung der Artenvielfalt ist dabei zielführender als rein großflächige Ausweisungen im Gebirge.

Gedankenexperimente und eine klare Aussage

Als Vertreter der Grundeigentümer zeigte Felix Montecuccoli (Präsident der Land & Forst Betriebe Österreich) anhand ökonomischer Berechnungen auf, welche Ausgaben mit einem Grundbesitz verbunden sind. Die Holznutzung ist eine Möglichkeit, diese Kosten zu decken. Wildnisgebiete bedeuten eine Einschränkung der Bewirtschaftung und Einnahmequellen. Daher muss es angemessene Entschädigungen geben (Vertragsnaturschutz).

Das beste und einzige Wildnisgebiet in Österreich

Das einzige Wildnisgebiet Österreichs ist Dürrenstein mit einer Größe von 3.500 Hektar. Eingreifen und Betreten ist verboten, allfällige Ausnahmen sind klar definiert. Das Gebiet wird gemeinsam mit den Grundbesitzern verwaltet. Die Zusammenarbeit auf einer einvernehmlichen Ebene kann funktionieren, das beweisen Stefan Schörghuber (ÖBf Naturraummanagement) und Christoph Leditznig (Geschäftsführer Wildnisgebiet Dürrenstein). Sie sehen die laufende Einbindung der Grundeigentümer, Gemeinden und Interessensvertreter als ausschlaggebenden Faktor für die erfolgreiche Betreuung eines Wildnisgebietes.

Wünsche an den Wildnis-Umsetzungsprozess

In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Maria Stejskal-Tiefenbach, Gerald Neubacher (Abt. Naturschutz Land Oberösterreich), Gerald Plattner (ÖBf Naturraummanagement), Wolfgang Urban (Direktor Nationalpark Hohe Tauern), Felix Montecuccoli und Michael Zika etwa, ob mehrere Schutzarten auf einer Fläche sinnvoll sind. Das Thema Natura 2000-Ausweisung beschäftigt nicht nur das Land, sondern auch die Grundbesitzer. Hinsichtlich der großen Relevanz von Wildnis waren sich alle einig. Die Möglichkeit zum Vertragsnaturschutz (also vereinbarter Entschädigungszahlungen) ist dabei aber ein Muss.

Ein Blick in die (wilde) Zukunft

Zum Abschluss äußerten alle sechs DiskutantInnen noch Zukunftswünsche: Es soll ausreichend Wildnisgebiete und –inseln geben, die durch langfristige Verträge und finanzielle Mittel abgesichert sind. Die Finanzierung (vom Bund) soll auf lange Zeit gesichert sein. Es soll kein Hinterherjagen von Quoten stattfinden, wenn die Voraussetzungen in der Natur fehlen. Die Eigentümer sollen von Anfang an in den Prozess integriert werden. Wildnis soll großflächig und gemeinschaftlich umgesetzt werden. Die Debatten zwischen NGOs und Grundeigentümern sollen auf einer rationalen, nicht emotionalen Ebene geführt werden.

Das spannende Thema wurde auch in den Pausen und im Anschluss an die Vorträge noch heiß diskutiert. Mit Veranstaltungen dieser Art trägt das LIFE+ Projekt zu einem besseren Verständnis zwischen Forstbetrieben und Naturschutz bei. Die nächsten Ausseer Naturraumgespräche finden am 11. und 12. Oktober zum Thema „Lebensraum Raufußhühner“ statt.

Die Ergebnisse (Power Point Präsentationen) finden Sie hier.

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