Treibstoff aus Waldhackgut: Erster Bus-Praxistest mit synthetischem Diesel

In Wien-Simmering wird an der Energiezukunft geforscht: Am Gelände der Müllverbrennungsanlage Simmeringer Haide von Wien Energie arbeiten Partner*innen aus verschiedenen Bereichen mit einer Forschungsanlage an der Produktion von grünen Treibstoffen. Mit Jahresende 2022 konnte ein erster Forschungserfolg erzielt werden: Das Projektteam unter der Leitung des COMET-Kompetenzzentrums BEST hat die ersten Liter synthetisches Rohöl hergestellt. Dazu wurde in der Forschungsanlage in Wien-Simmering Waldhackgut der Österreichischen Bundesforste als Rohstoff eingesetzt.
Wiener-Linien-Bus fährt erste Meter mit grünem „Holzdiesel“
Das synthetische Rohöl wurde dann zu einem grünen „Holzdiesel“ aufbereitet und in einem Praxistest eingesetzt. Auf einem Rollenprüfstand in Graz hat ein Wiener-Linien-Bus erstmals mit einem solchen Diesel „Gas“ gegeben. In zwei Testläufen Mitte März 2023 hat das Forschungsteam dem herkömmlichen Diesel zunächst 15 und dann 25 Prozent des synthetischen Diesels beigemischt. In jeweils 2x45 Minuten andauernden Testrunden ist der Bus auf dem Rollenprüfstand gefahren, während das Forschungsteam diverse Tests und Messungen zu den entstehenden Emissionen und zum Treibstoffverbrauch durchgeführt hat.
In den kommenden Wochen und Monaten wertet das Team die Ergebnisse aus. Das Konzept ist vielversprechend: Laut einer Studie von Joanneum Research liegt beim „Holzdiesel“ die CO2-Reduktion im Vergleich zu fossilem Diesel bei knapp 90 Prozent und kann daher je nach Beimischungsverhältnis insgesamt eine deutliche CO2-Reduktion erzielen.
Forschungsanlage mit viel Potenzial
Die Forschungsanlage in Wien-Simmering, in der dieser synthetische Diesel hergestellt wurde, ist die weltweit erste Anlage dieser Art. Das Projektteam stellt dort aus Waldhackgut, Abfällen und Reststoffen – wie etwa Holzabfällen, Klärschlamm oder Rückständen der Papierindustrie – Synthesegas und in weiterer Folge unter anderem erneuerbaren und CO2-neutralen Diesel her. Mit 1 Megawatt Leistung ist die Pilotanlage bereits in einem industrienahen Maßstab gebaut – also im letzten Stadium vor einer Großanlage im Realbetrieb. Künftig könnte eine solche Anlage im Industriemaßstab bis zu 10 Millionen Liter grünen Treibstoff pro Jahr erzeugen und damit bis zu 30.000 Tonnen fossiles CO2 einsparen.
Neben der Erzeugung von grünem Treibstoff ist mittelfristig auch die Produktion von grünem Gas oder grünem Wasserstoff Teil des Forschungsprojekts.
Komplexes Verfahren: So kann Abfall zum Treibstoff werden
Das Außergewöhnliche an der Anlage ist die Verbindung mehrerer technischer Verfahren, um den Treibstoff herzustellen: Reststoffe, wie etwa Holzabfälle, Klärschlamm oder Rückstände der Papierindustrie, werden in Synthesegas umgewandelt. Dieses Gas wird gereinigt und in einem weiteren Schritt – der sogenannten Synthese – wird daraus Rohöl erzeugt. Dieses Rohöl kann anschließend zu grünem Treibstoff veredelt werden.
Sind die eingesetzten Ausgangsstoffe erneuerbaren Ursprungs (Holz, Holzabfälle, Klärschlamm, sonstige biogene Abfälle, …), so sind auch die Endprodukte gänzlich erneuerbar. Aber auch andere, nicht erneuerbare Reststoffe wie etwa nicht recyclebare Plastikreste können eingesetzt werden. So können auch fossile Ausgangsstoffe mehrfach genutzt werden, wie das etwa auch beim Papierrecycling der Fall ist.
Vielfältige Forschungsansätze und Endprodukte
Die große Bandbreite an möglichen Endprodukten macht die Technologie sehr vielseitig einsetzbar: Einerseits können nachhaltige Treibstoffe für Bereiche bereitgestellt werden, in denen Batterien nur schwer zum Einsatz kommen können (z.B. Landwirtschaft, Flugverkehr, Schwerverkehr oder Reisebusse. Andererseits kann im Zuge von zukünftigen Forschungsarbeiten auch grünes Gas für das Erdgasnetz oder grüner Wasserstoff für Mobilitätslösungen oder industrielle Anwendungen erzeugt werden.
Im Rahmen des Projekts „Waste2Value“ forscht ein Team aus unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen an der Herstellung dieser Produkte. Die Projektleitung hat BEST inne. Neben Wien Energie und SMS group Process Technologies sind auch Wiener Linien, Wiener Netze, die Österreichischen Bundesforste, Laakirchen Papier AG und OMV am Projekt beteiligt. Wissenschaftliche Partner sind die TU Wien und die Luleå University of Technology. Das Projekt wird von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) gefördert.
Mehr Infos zum Projekt gibt es hier.
Rückfragehinweis:
Alexander Hoor
Pressesprecher Wien Energie
Telefon: 0664 884 801 81
alexander.hoor [AT] wienenergie [.] at
