Tourismus und Naturschutz – Platz für alle Ansprüche?
Das „Alpenidyll“ Österreich mit malerischen Bergen, glasklaren Seen und lauschigen Wäldern zieht jährlich Millionen von Gästen an. Unsere Naturlandschaft verkauft sich gut, jedoch hinterlässt die touristische Nutzung ihre Spuren.
Steigende Bevölkerungszahlen, Verstädterung und die damit verbundene Wiederentdeckung der Natur sorgen für Brisanz und Aktualität der Thematik.
Bei den 4. Ausseer Naturraumgesprächen diskutierten und beleuchteten ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis die Frage, ob Tourismus und Naturschutz auf denselben Flächen Platz finden. Über 100 TeilnehmerInnen kamen auf Einladung des LIFE+ Projekts "Ausseerland" der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) am 4. April 2017 nach Bad Aussee.
Herzlich willkommen bei den Bundesforsten
Die Sehnsucht der Menschen nach Natur nimmt zu – damit erhöht sich auch der Druck auf unsere Wälder. Nach dem Motto „Der Wald ist für alle da“ heißen die Bundesforste ihre WaldbesucherInnen willkommen – allerdings mit FairPlay-Spielregeln. ÖBf-Vorstand Georg Schöppl weist darauf hin, dass der Naturgenuss der Nachhaltigkeit unterliegt. Auch zukünftigen Generationen muss es möglich sein, die Natur zu nutzen. Es verlangt nach einem Ausgleich von unterschiedlichen Nutzungsinteressen im und am Wald, hinreichender Informationsvermittlung über Natur und ihre Zusammenhänge sowie einer Fairplay-Regelung für alle Interessensgruppen. Durch eine immer stärkere Nutzung der Naturräume ist ein aktiver Interessensausgleich heute wichtiger denn je.
Zugeschnittene Natur-Produkte für Touristen
Urlauber wollen in Österreich schöne Landschaften erfahren. Die genauere Definition dessen ist schwierig. Der Wald als solcher reicht alleine nicht aus. Es braucht Produkte, die auf Touristen zugeschnitten sind. Dabei ist naturnaher Tourismus nicht immer nachhaltiger. Slowenien ist ein gutes Beispiel, wie eine nachhaltige Dienstleistungskette vom Wald zum Touristen aussehen soll, führt Karl Reiner, ÖAR Regionalberatung als Beispiel an. Schutzgebiete haben meist auch einen Auftrag zur Regionalentwicklung. Dabei gilt es die Emotion der jeweiligen Landschaft zu vermitteln. Dann ist ein Produkt für den Kunden interessant.
Monetäre Bewertung von Naturschutz
Tourismus ist ein Wirtschaftsfaktor – klar. Aber bringt Naturschutz Geld ein? Verena Hohenwarter vom Büro REVITAL zeigt, wie man Naturschutz über den Vergleich von ökonomischen Größen bewerten und analysieren kann. Ergänzend dazu werden meist Umfragen mit verschiedenen Stakeholdern durchgeführt. Für das LIFE+ Projekt „Ausseerland“ liegen noch keine genauen Ergebnisse vor, allerdings kann man sagen, dass weder Natura 2000 noch LIFE+ eine Vermarktungsschiene für das gut besuchte Ausseerland darstellen. Zudem sind diese Bewertungsrechnungen niemals vollständig, denn viele weiterführende Effekte des Naturschutzes – wie intakte Natur(-landschaften) lassen sich schwer in Geld fassen.










Bundesforste-Vorstand Georg Schöppl eröffnete die 4. Ausseer Naturraumgespräche und hieß alle Waldbesucher herzlich willkommen. © ÖBf-Archiv/C. Rak
Mehr als 100 BesucherInnen hörten bei den Vorträgen gespannt zu. © ÖBf-Archiv/C. Rak
Matthias Kuhn vom Nationalpark Donau-Auen gibt Auskunft über die Pufferbereiche nach einer Rückfrage aus dem Publikum. © ÖBf-Archiv/C. Rak
In den Pausen wurde die Zeit zum Networken genutzt. © ÖBf-Archiv/C. Rak
Bei der Podiumsdiskussion stellte sich die Frage, wer den richtigen Umgang mit der Natur an die Nutzer kommunizieren sollte. © ÖBf-Archiv/C. Rak
Wechselwirkungen aufeinander
Zwischen Tourismus und Naturschutz gibt es starke Wechselbeziehungen, die Einschränkungen und Chancen aufzeigen. Der Tourismus bringt Geld für Schutzgebiete, die Schutzgebiete wiederum liefern die Attraktivität für Touristen. Die Belastungsfähigkeit für den Naturraum ist dabei endlich. Übermäßige Nutzung kann Naturschutzgebiete zerstören und die Attraktivität der Landschaft wieder verringern. Laut Elisabeth Kreimer vom E.C.O. Institut für Ökologie ist naturverträglicher Tourismus möglich. Sanfte Besucherlenkung, kreative Aufklärung über die Naturbesonderheiten und der Austausch mit Stakeholdern ist dabei ein Muss.
Kur- und Heilwald
Der Wald als spezieller Naturraum hat mancherorts medizinisch nachweisbar positive Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen. So kann sich bei Burn-Out, Depression oder Herz-Kreislauf-Störungen der Zustand durch Kuren im Wald verbessern. Japan hat dieses Potential der Ressource Wald erkannt und vermarktet das „Waldbaden“. Auch Deutschland springt auf diesen Trend des Gesundheitstourismus auf und hat mittlerweile schon einige Kur- und Heilwälder ausgewiesen. „Österreich hat dafür genauso das Potenzial, nur müssen wir aus dem Wald ein Gesundheitsprodukt schaffen. Wir wären bereit, nur müssen wir es tun!“, plädiert Georg Christian Steckenbauer, Professor an der IMC FH Krems.
Der Natur im Urlaub etwas zurückgeben
Seit 1986 gibt es sogenannte „Umweltbaustellen“. Dabei arbeiten junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren freiwillig in der Natur und verbringen so eine Urlaubswoche. Für Unterkunft und Verpflegung sowie das Freizeitangebot kommt der jeweilige Grundbesitzer auf. Arbeiten wie das Freihalten von Almflächen, Setzen von Bäumen im Schutzwald oder die Moorpflege werden verrichtet. Die Motivation der TeilnehmerInnen ist verschieden, weiß Hanna Moser, Bundesjugendsekretärin der Alpenvereinsjugend. So wollen einige einen kostengünstigen Urlaub verbringen und sich sinnvoll engagieren, andere freuen sich Gleichgesinnte kennenzulernen und etwas über die Zusammenhänge in der Natur zu lernen.
Massenandrang in den Nationalpark Donau-Auen
Durch die Nähe zur den Städten Wien und Bratislava wird der Nationalpark Donau-Auen jährlich von rund 1,5 Millionen Menschen besucht. Die Nutzergruppen sind verschieden und reichen von Radfahrern, über Naturfotografen bis hin zu Hundebesitzern, die ihren Vierbeinern Auslauf gönnen wollen. Die Städte wachsen und so wird laut Prognosen auch der Besucherdruck auf die Naturschutzflächen steigen. Matthias Kuhn, Zuständiger für Umweltbildung beim Nationalpark, erklärt, dass auch Flächen außerhalb des Nationalparks für Touristen attraktiv gestaltet werden, um so Besucherströme abzufedern.
Die anschließende Podiumsdiskussion zeigte auf, dass es unterschiedliche Probleme mit Einheimischen und Gästen geben kann. Die Nutzung der Natur mit Hausverstand und Bauchgefühl wird gegenüber strikten Regeln und Strafen vorgezogen. Jedoch bedarf es immer mehr Aufklärung der Freizeitnutzung zum Umgang mit der Natur. Das Wissen sollte durch Tourismusverbände, Grundbesitzer und spezielle spannende Kinder- und Jugendangebote vermittelt werden. Touristische Entwicklungen im Ausseerland werden mit den Grundbesitzern direkt ausgesprochen, zumeist findet man eine Einigung. Eine Verteilung der durch den Tourismus erwirtschafteten Gelder auf die Grundbesitzer der attraktiven Landschaften wäre fair – denn die (negativen) Wirkungen der touristischen Nutzung können erst später auftreten oder sichtbar werden.
Zur Nachlese: Vortragsunterlagen
