6. Ausseer Naturraumgespräche
Fließgewässer: Lebensraum und Wanderstrecke
Reißender Fluss, mäandernder Bach oder schmales Rinnsal: Fließgewässer aller Größen sind für uns Menschen sowie Tier- und Pflanzenarten enorm wichtig. Viele hundert Jahre wurden Gewässer durch den Menschen beeinflusst und zu seinem Zwecke geformt: Etwa für Holztrift, Hammerwerke und Mühlen aufgestaut und geleitet, zum Landgewinn begradigt und tiefergelegt oder für die Sicherheit verbaut – kaum ein Gewässer blieb ungebändigt. Nun wurde Fließgewässern durch Gesetze, mehr Bewusstsein und die Aufmerksamkeit aller wieder mehr Platz eingeräumt.
Bei den 6. Ausseer Naturraumgesprächen diskutierten und erklärten ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis die Bedeutung von Fließgewässern und ihrer Arten. Über 70 TeilnehmerInnen kamen auf Einladung des LIFE+ Projekts "Ausseerland" der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) am 2. und 3. Oktober 2018 nach Grundlsee.
Fluss frei
Wasser ist Lebenselixier und Lebensraum. Österreich hat einen sehr großen Wasserschatz, den es zu erhalten und zu pflegen gilt. Die Wasserrahmen-Richtlinie der EU gibt Qualitätsbewertungen und -ziele vor. In Österreich sind 40 % der Gewässer in einem guten bis sehr guten Zustand – 60 % sind jedoch in einem eher schlechten Zustand. „Man hat in der ersten Umsetzungsperiode des Nationalen Gewässerplans viel gelernt, es ist auch viel passiert. Allerdings hat man Ziele sehr hoch angesetzt und es braucht noch mehr – vor allem das Sanierungsgeld fehlt im neuen Nationalen Gewässerplan“, weiß Manuel Hinterhofer, Geschäftsführer Fischereiverband Österreich, zu berichten.
Balanceakt Hochwasserschutz und Naturschutz
Die Wasserrahmen-Richtlinie sieht für Gewässer ein Verschlechterungsverbot und ein Verbesserungsgebot vor. Gemeinsam mit dem Naturschutz, der durch das Naturschutzgesetz bei vielen Baumaßnahmen sowieso hinzuzuziehen ist, werden in der Steiermark Schutzmaßnahmen umgesetzt. „Hochwasserschutz und Naturschutz sind hier Partner!“, betont Ursula Suppan von der Abt. 14 Referat Schutzwasserwirtschaft des Landes Steiermark. Oftmals ist es aber durch feste Voraussetzungen schwierig einem Gewässer zu geben, was es braucht. Im Einzelfall verlangt es nach Kreativität und Lösungen. Beispielsweise wurden im Rödschitzbach Kopfsteine an der Sohle angeschraubt, damit sich dort Substrat ansammelt und die gepflasterte Sohle naturnäher wird.


















Der Eingangsvortrag von DI Manuel Hinterhofer führte uns Österreichs Wasserschatz vor Augen. © ÖBf-ArchiV/S. Ackermann
In der Pause wurde die Zeit für Gespräche genutzt und die Kaffeemaschine funktionierte bis auf einen kleinen Ausfall auch. Die Organisatorin DI Anna-Sophie Pirtscher freut sich über den Austausch! © ÖBf-ArchiV/S. Ackermann
Das Podiumsgespräch schaffte nochmals die Möglichkeit Fragen an die Expertinnen und Experten zu stellen. © ÖBf-ArchiV/S. Ackermann
Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion 1 ging es mit dem Schiff über den Grundlsee zum Toplitzbach. © ÖBf-ArchiV/A.-S. Pirtscher
Der Toplitzbach wurde vor mehr als 15 Jahren naturnahe zurückgebaut und dies konnte besonders gut von den Brücken besichtigt werden. © ÖBf-ArchiV/A.-S. Pirtscher
Die Exkursion 2 führte zum Rückbau der Betonschwellen in der unteren Salza durch die Abt. 14 des Landes Steiermark und die Baubezirksleitung. © ÖBf-ArchiV/S. Ackermann
Die Wildbach- und Lawinenverbauung zeigte den Rückbau zweier Sperren im Rödschitzbach, die seit heuer wieder für Koppe und Steinkrebs durchgängig sind. © ÖBf-ArchiV/S. Ackermann
Die eingeschweißten Querverstrebungen im Rohr helfen dem Steinrkebs beim Durchwandern. © ÖBf-ArchiV/S. Ackermann
Ein lebendiger Steinkrebs macht alle TeilnehmerInnen neugierig. © ÖBf-ArchiV/S. Ackermann
Tierarten im Wasser
Makrozoobenthos bezeichnet Organismen am Gewässerboden, welche mit freiem Auge sichtbar sind (also größer als 1 mm). Hiervon gibt es 2912 Arten wie etwa Köcherfliegen, Egel und Muscheln. Sie sind in jedem Gewässer zu finden: Je nach Art suchen sie sich Nischen und passen sich strategisch an unterschiedliche Gewässerarten an. Uferbereiche und angrenzende Landteile spielen für ihre Entwicklung eine bedeutende Rolle. „Makrozoobenthos erfüllen wichtige Funktionen in unseren Gewässern: Sie reinigen das Wasser, bereiten Nahrung für andere auf und sind selbst Nahrungsquelle für Fische und Vögel“, erklärt Lisa Schülting von der Universität für Bodenkultur.
Die Summe an kleinen Bächen und Rinnsalen macht die größeren Flusssysteme aus. Daher sollte man auch einen Blick auf Waldbäche werfen. Sie sind wertvoller Lebensraum und Wanderstrecke. Salamander und Frösche bewohnen kleinere Waldbäche und ihr Umland, um sich dort zu reproduzieren und Nahrung zu suchen. Auch Koppe und Bachforelle sind hier anzutreffen. Steinkrebse finden hier oftmals einziges Rückzugsgebiet, da sie durch eingesetzte, nordamerikanische Krebsarten und die damit einhergehende Krebspest in den letzten Jahrzehnten stark dezimiert wurden. Clemens Gumpinger vom Büro blattfisch plädiert hier an die Grundeigentümer „die Waldbäche nicht durch große, angrenzende Kahlschläge zu exponieren, entlang von Fließgewässern nicht rein Nadelbäume zu setzen und bei Forststraßen auf das Reinrieseln von Material zu achten.“
Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung
Einen Blick über die Grenzen zu werfen lohnt sich: Christian Tesini von der Abteilung Jagd und Fischerei im Kanton Aargau stellte Maßnahmen vor, wie kleinere Gewässer ohne größere Umstände und mit geringen finanziellen Mitteln aufgewertet werden können. Gerade Flusskrebsen kann mit einigen Versteckmöglichkeiten und Rückzugspools geholfen werden. Totholz spielt dabei eine wichtige Rolle.
Doch auch im eigenen Land gibt es Unternehmer, die auf Ökologie achten und sich durch neue Anforderungen weiterentwickeln. So bietet die Firma Natmessnig Rohrsysteme Amphibienleitsysteme an und baut Rohre mit eingeschweißten Querverstrebungen, sodass sich Schotter am Rohrboden hält und Krebsen das Durchwandern erleichtert wird. Arnulf Natmessnig brachte es in seinem Schlusssatz auf den Punkt: „Bei der Entwicklung von Lösungen für die Durchgängigkeit muss man sich nur an der Natur orientieren“.
In den Frage- und Diskussionsrunden sowie bei dem Podiumsgespräch wurde etwa über den Widerspruch von grüner Energie (Wasserkraftwerke) und die Durchgängigkeit von Fließgewässern philosophiert.
Die Exkursionen am zweiten Tag führten zum renaturierten Toplitzbach und zu den von der Wildbach- und Lawinenverbauung und Abt. 14 des Landes Steiermark sowie Baubezirksleitung Liezen wieder durchgängig gestalteten Salza und Rödschitzbach. Dort wurden – zur Freude der TeilnehmerInnen – auch Steinkrebse gesichtet.
Zur Nachlese: Vortragsunterlagen
